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Hochzeitsansprache
am 29.05.1999

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Liebe Dagmar, lieber Uwe,
verehrte Angehörige des Brautpaars,
liebe Freunde und Bekannte,
Schwestern und Brüder im Herrn,

in einem bis heute bekannten Western aus der Mitte der 60iger Jahre erhält John Wayne alias Cole Thornton auf die besorgte Nachfrage nach dem nicht zu übersehenden Alkoholproblem seines Freundes J. P. die aufschlußreichen Sätze zur Antwort:

"Was kann einen Mann schon fertig machen? - Eine Weibergeschichte natürlich."
Ohne den Tiefsinn dieses Dialogzitats überstrapazieren zu wollen - wenn ich so in die Runde blicke, dann, lieber Uwe, sieht es doch bedenklich final für Dich aus, und zwar nicht nur wenn man dieser Deutung die Spannungsdramaturgie des US-amerikanischen Wildwestfilms zugrunde legt. Und Dagmar, Dir müßte eigentlich ein anderer Spruch aus dem Weisheitsschatz Hollywoods in den Ohren klingen. Ich meine eine Sentenz, die der sichtlich eheunwillige Robert Redfort im fernen Afrika äußert, und die dem unmißverständlichen Wink seiner Partnerin, daß sogar die Wildgänse sich zu lebenslänglichen Beziehungen zusammenfinden, lakonisch entgegenzuhalten weiß: "Du hast recht. Nur Gänse heiraten."

Gewiß, es gibt auch positivere Stellungnahmen. Kursorisch - und mit Schaudern - sei auf Doris Day verwiesen. Aber die große Mehrzahl der modernen Filmkunstwerke bleibt, sagen wir, eher zurückhaltend in ihrer Begeisterung, was das Eheglück betrifft.

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Wem diese Lichtspiele zu düster ausfallen, der wird vielleicht einen Blick in die sogenannte schöne Literatur werfen wollen. Der Name allein verheißt Gutes. Ganz besonders gilt das für Geschichten, die den Glanz des letzten Jahrhunderts beschwören, in dem die Welt noch freundlicher ausgeleuchtet und alles besser gewesen sein soll. Marcel Proust etwa scheint einen ermutigenden Satz für euch beide bereit zu halten, wenn er seinen Erzähler aus der "verlorenen Zeit" räsonnieren läßt:

"Sicher ist es vernünftiger sein Leben an Frauen als an Briefmarken, alte Schnupftabakdosen oder sogar Bilder und Statuen zu wenden."
Nun gut, könnte man sagen, immerhin eine Einsicht. Und doch - bereits die Erwähnung der Schnupftabakdosen irritiert an diesem Satz. Vollends aber ernüchtert die nachfolgende Bemerkung:
"Nur sollte das Beispiel dieser anderen Sammlungen uns nahelegen zu wechseln, nicht nur eine einzige Frau zu haben, sondern viele Frauen."
Ein derartiger Ratschluß muß nicht nur theologisch bedenklich heißen. Lehrreich an ihm ist höchstens die Einsicht, daß die Probleme von heute auch die Probleme von Damals waren, und daß - nebenbei bemerkt - die menschliche Sammelleidenschaft die unterschiedlichsten Richtungen einschlagen kann. Gerade darum kommt es auf die Auswahl an. Und das gilt nun in der Tat auch von der Ehe. Denn - einstens wie jetzt - ist sie vor allem anderen eines: das Fest der richtigen Auswahl. Und eine solche ist nicht leicht, wenn man die Vielfalt und den Reichtum, den das Leben zu bieten hat, bedenkt. Aber ich will nicht altväterlich klingen. Zumindest ich nicht, denn wenn schon theologisch geraten sein soll - und wo, wenn nicht hier, wäre das angebrachter -, dann auch wirklich durch einen Altvater und großen Glaubenslehrer - einem, dem ich an dieser Stelle um so lieber das Wort überlasse, weil wir hier in der Augustinerkirche zusammengekommen sind, so daß sich der Hinweis auf jenen berühmten Augustinermönch zu Wittenberg nahezu von selbst ergibt.
Luther also, nachdem er es als heidnischen Unsinn abgetan hat, daß das "weyb" nur "eyn nöttigs übel" sei, erklärt die christliche Hochschätzung des Ehestandes folgendermaßen:
"Auff das wyr nu nicht alßo blind faren / sondern Christlich wandelln / ßo hallt auffs erst fesst / das man und weyb gottis werck sind / und hallt deyn hertz und mund tzu / und schilt ihm seyn werck nicht / und heysse es nicht böße / das er selb gutt heyst. Er weyß baß was gutt ist / und dyr nütz / denn du selbst / wie er spricht Gen. 1. Es ist nicht gutt, das der Mensch alleyn sey / ich will yhm ein gehülfen machen neben yhm."


Oder noch kürzer auf den Punkt gebracht:

"Wer eyn weyb findet / der fndet was gutts / und wirt eyn wolgefallen von gott erschepffen."
Ein Wohlgefallen von Gott - das geschieht nach Luther, wenn zwei Menschen in der Ehe zueinander finden, Mann und Frau werden, sich trauen. Und wenn ich das Evangelium, das ihr beide euch heute ausgewählt habt, in einer nicht ganz orthodoxen Weise zuspitzen darf, dann ist in diesem Vertrauensakt die Aufgabe enthalten, die euch nun für euer weiteres Leben anheimgestellt ist: nämlich Salz zu sein und Licht für die Welt, also das zu verwirklichen, was das Leben lebenswert und die Zukunft hoffnungsträchtig macht. Wer sich das zutraut, wie ihr beiden heute, dem ist die Zweisamkeit ein Glücksversprechen, das sich in der Tat nicht leicht unter den Scheffel stellen läßt und dem Leben seine Würze geben kann. Allerdings - nicht wenigen hat es dasselbe auch schon versalzen. Deshalb spricht euch die Lesung, in der - wie wir gehört haben - der Psalmist den Herrn als Hirten anruft und lobpreist, in jeder Lebenslage den Beistand Gottes zu. Die ganze Festgemeinde ist dafür Zeuge. Und ihr - das heißt unser aller Glaube -, der Glaube, daß Gott euer Hirte sein, euch nicht allein lassen und im Alltag begleiten will, prägt den Charakter der Feier, die wir heute miteinander begehen: Als Zusage dieser helfenden Gegenwart Gottes ist die Ehe ein Sakrament - und für euch eine Verheißung, die euch Mut machen soll für das, was nun folgen wird: euer ganzes, gemeinsames Leben.

In diesem Sinn läßt auch Luther keinen Zweifel daran, daß die Ehe der höchste Stand ist, den der Mensch in dieser Welt verwirklichen kann und daß ihm alle Hochschätzung gebührt. Denn auch er weiß um die große Verantwortung, die die Eheleute auf sich laden. Nur am Rande sei gesagt, daß eines seiner am häufigsten wiederholten Beispiele für die Fährnisse des ehelichen Lebens, das Windeln der Kinder ist, das Luther - überraschend emanzipiert - ausdrücklich zu den Aufgaben des Vaters rechnet. Darüber hinaus - und ich mutmaße zentraler als diese Arbeitsverteilung - gehört die Ehe für ihn zu jenen glückbringenden Segnungen, mit denen Gott seine Geschöpfe zur Fülle ihres Lebens beschenkt hat, so sehr beschenkt, daß der an sich eher schroffe Reformator in ganz ungewohntem Sanftmut und fast anmutig feststellen kann:

"denn Gott hat Mann und Weib also geschaffen, daß sie mit Lust und Liebe, mit Willen und von Herzen gern zusammenkommen sollen."
Mit Lust und Liebe, aus freiem Willen und von Herzen gern. Ich glaube, Schöneres läßt sich zum Lobpreis der Ehe kaum sagen. Damit jedoch auch das Pathos reformatorischer Ermahnung zu seinem Recht komme, und weil der Abstand von nun annähernd 500 Jahren Luthers Worten wohl ihren moralinsauren Ton, nicht aber ihren Ernst genommen hat, erlaube ich mir ein Ietztes Zitat, und zwar in diesem Fall doch ein bißchen augenzwinkernd direkt an Dich, Uwe, gerichtet:
"Nein, lieber Geselle, bist du an ein Weib gebunden, so bist du nicht mehr ein freier Herr: Gott zwinget und heißt dich bei Weib und [ich füge ein "eventuell"] Kind bleiben, sie nähren und erziehen und darnach deiner Obrigkeit gehorchen, deinem Nachbarn helfen und raten."
Damit sind wir wieder bei den Bedenklichkeiten und Finalitäten, die ich zu Beginn angesprochen habe. Als Nachbar, dem im weiteren Sinn geholfen werden will, klage ich diesbezüglich gleich einige Videosession-Wünsche ein. Ob es dagegen noch so sein kann, daß der Mann seine Frau "erziehe", wie Luther in offenkundiger Verkennung der Tatsachen hier fordert, und es sich nicht vielmehr derart verhält, daß die Frau zu jener Obrigkeit gerechnet werden muß, in deren Gehorsamspflicht der Gatte nolens volens genommen ist, das kann an dieser Stelle dahin gestellt bleiben.

Ich denke, Dagmar, Du wirst Dich ganz gut zu behaupten wissen. Das Überleben im WG Alltagskampf bist Du ja von Deinen Zeiten in der Eichendorffstraße ganz gut gewöhnt. Ich spreche aus persönlicher Erfahrung, wenn ich diesbezüglich anmerke, daß Du die Stellungskriege des Zusammenlebens nicht ohne Phantasie zu meistern wußtest, sei es mithilfe generalstabsmäßiger Planung - ich erinnere mich an streng kontrollierte Abspühllisten -, sei es durch den Einsatz modernster Technik wie Lärmschutzkopfhörer. Dein Einfallsreichtum hat mich schon damals immer wieder und immer neu in Erstaunen versetzt. Und abgesehen davon - was könnte Dich noch schrecken, nachdem Du sogar das Tollhaus des Filmfestbüros in diesem Jahr hinter Dich gebracht und überstanden hast - eine echte Generalprobe für den Ehestand, wenn man an all die Empfindlichkeiten denkt, die es da zu beachten gab.

Andererseits ist mir auch um Uwe nicht bange, solange neue Hongkongfilme in ausreichender Menge vorhanden sind, der DVD Player nicht streikt und sein erhabener Komponistengeist zuweilen in den Rauch einer oder mehrerer Zigarrillos aufgehen darf.

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Und schließlich - ein letzter Hinweis, den ich schon aus filmgeschichtlicher Korrektheit noch anbringen muß: Natürlich überwindet J. P. Harrah seinen Liebeskummer in "El Dorado" und natürlich darf Cole Thornton, nachdem sich mitsamt dem Pulverdampf auch der letzte Schurke verzogen hat, seine Maudie in die Arme schließen. Was bleibt, ist happy end und die Moral von der Geschicht -, darin sich die tröstliche Einsicht durchsetzt, daß selbst die bedenklich bleihaltige Ehelehre des Westerns eine Hoffnungsperspektive kennt. Wohlgemerkt: nach dem Showdown. Aber, wer wollte sich darüber beklagen, wenn dieses Nachher ein so großes Glücksversprechen bereithält?! Möge eure Ehe der stets neue Anfang sein, der nach dem happy end und nie zu seinem Ende kommt, euer ganzes Leben lang.

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In diesem Sinn und mit den Worten von Luthers Lobpreis, die euch göttliches Wohlgefallen zusprechen, wünsche ich Dir, Dagmar, und Dir, Uwe, von ganzem Herzen alles Gute und euch beiden zusammen das Glück der Welt und den Segen Gottes.

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